Nachhaltigkeit: Was ist das denn?
- Auf den Spuren einer Begriffspiraterie -

Auszüge entnommen einem Beitrag von Karin Ulich (Tier & Mensch e.V.)

Auf der Grünen Woche in Berlin fragte ich Besucher, was sie sich unter „nachhaltiger Landwirtschaft“ vorstellten. Es kamen Antworten wie: „…dass Mutter Erde gesund bleibt“, „…Ökologische Landwirtschaft im Einklang mit der Natur“, „…die Erde für die nächsten Generationen erhalten“. Das kommt der Sache schon recht nahe: Weltweit anerkannt wurde die Definition für „nachhaltig“ (Engl. „sustainable“) aus dem „Brundtland Report“ der UNO von 1987, nämlich dass „die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse zu beeinträchtigen“. Betrachtet werden dabei die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen menschlichen Handelns.

Anschaulich werden sie mit dem „Ökologischen Fußabdruck“ beschrieben: Der nennt den weltweiten Flächenbedarf, der für den Lebensstil eines Menschen nötig ist. So stehen pro Person maximal 1,8 ha auf der Erde zur Verfügung vom Durchschnittsdeutschen werden allerdings 4,5 ha beansprucht, also zweieinhalb mal unsere Erde. Die Ernährung spielt bei der Errechnung des „ökologischen Fußabdrucks“ eine entscheidende Rolle.

Eine Nachhaltige Landwirtschaft ist demnach dem Schutz der Ressourcen, der Erhaltung der Lebensgrundlagen und der Bewahrung der natürlichen Kreisläufe verpflichtet. Wer sich mit der Thematik ein wenig beschäftigt hat weiß, dass konsequente ökologische Landwirtschaft auf diesen Grundlagen arbeitet. Das künftige Überleben von Mensch, Tier und Pflanze hängt entscheidend davon ab, ob die Erde im Einklang mit der Natur bewirtschaftet wird. Sehr umfassend sind die verschiedenen landwirtschaftlichen Strukturen im Weltagrarbericht analysiert und dargestellt worden.

Nicht nachhaltig sind demnach Monokulturen, die mit energieaufwändig hergestelltem Kunstdünger und Pestiziden hohe Erträge liefern, denn sie zerstören den lebenden Boden, wodurch enorme Mengen des klimaschädlichen CO2 frei werden, zudem wirkt das aus dem Kunstdünger frei werdende Lachgas extrem schädlich auf das Klima. Nicht nachhaltig ist es auch, an Nutztiere fast die Hälfte des weltweit erzeugten Getreides zu verfüttern. Auch an Wiederkäuer, die so nicht nur zu Nahrungskonkurrenten des Menschen gemacht werden, sondern auch noch Klima belastende Mengen an Methan ausstoßen. Als Weidetiere würden sie hingegen die CO2 Speicherung im Bodenleben entscheidend fördern und das Klima schonen. Nicht nachhaltig ist es, Tiere in Tierfabriken von der Umwelt abgeschirmt mit großem Energieaufwand zu halten, aber nur eine Arbeitskraft für die Versorgung tausender Tiere zu beschäftigen. Das Eiweißfutter besteht aus genverändertem Soja von riesigen Monokulturen in Argentinien und Brasilien. Genmanipulierte Pflanzen und Tiere sind nicht nachhaltig, auch weil sie die Artenvielfalt bedrohen. Nicht nachhaltig ist der rücksichtslose Verbrauch des kostbaren Gutes Wasser beim Futtermittelanbau und beim Betreiben der Tierfabriken.

Sonnleitner an der Spitze auch hier:
Doch wer sich im Internet oder auf der Grünen Woche in Berlin umsieht, entdeckt eine ganz andere Sichtweise auf den Begriff Nachhaltigkeit: Die „Fördergemeinschaft nachhaltige Landwirtschaft“ wurde schon vor mehr als 20 Jahren von Verbänden und Konzernen der Agrolndustrie gegründet. Die ca. 30 Mitglieder rekrutieren sich aus der Chemie und PharmaBranche (Bayer, CropScience, BASF, Monsanto Deutschland ), dem mächtigen Lager um die industrielle Tiernutzung von der Züchtung bis zur Verarbeitung, (Geflügel und Schweinewirtschaftsverbände, Bauernverband u.a.), auch der Futtermittelindustrie kurz: alle, die mit Massentierhaltung und AgroBusiness Geschäfte machen, sind hier in geballter Macht versammelt. An der Vorstandsspitze sitzt Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner, 2. Vorsitzender ist der Vize von Bayer CropScience Deutschland, Tobias Marchand.

Ist es verwunderlich, dass ausgerechnet die großen Konzerne, die wir als verantwortlich für die rasante Verschwendung und Vernichtung der irdischen Lebensgrundlagen sehen, sich nun ausgerechnet zusammenfinden, um sich für Nachhaltigkeit einzusetzen?

Natürlich tun sie es nicht!

Propagandamaschinerie
Ihren Anspruch, als „Brückenbauer zwischen der modernen Landwirtschaft und den Verbrauchern“ im Sinne der Landwirte mit „soliden Fakten“ über die Leistungen der Landwirtschaft von heute zu informieren“, erfüllt sie völlig einseitig im Sinne der Industrie und der Konzerne und ihr Anliegen die nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft “ zu unterstutzen“, ignoriert sie zugunsten einer dreisten Propaganda für industrielle Landwirtschaft und Gentechnik. Zum Beispiel wird behauptet, Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere stehe in Zusammenhang mit ihrer „Leistung“. Das ist längst widerlegt und ein Hohn angesichts hoher Todesraten bei Masttieren bzw. kurzer Lebenserwartung bei Zuchttieren und nachweislichen Gesundheitsschäden durch Zucht und Haltung „moderner Rassen“.

Die Rolle der Tierärzte bei der Grünen Woche:
Auch Tierärzte mischen mit. Im Beirat sitzen als Vorsitzender Dr. Gerhard Greif und Prof. Dr. Jörg Härtung, beide von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die maßgeblich die Entwicklung der so genannten „Kleingruppenhaltung“ vorangetrieben hat wir wissen, was sich hinter dem verlogenen Begriff verbirgt. In der FNL-Halle 3.2 der Grünen Woche, dem „Erlebnisbauernhof“, waren folgerichtig Infostände der Tierärztezunft untergebracht, zum Beispiel der „Bundesverband praktizierende Tierärzte e.V.“ Tierleid, Qualzucht und systembedingte Krankheiten waren nicht das Thema. Kein Wunder, dass mich der FNL-Pressesprecher siegesgewiss dorthin schickte, als ich ihn nach dem gefährlichen hohen Antibiotikaeinsatz in den Massentierhaltungen fragte: Meine Kollegen waren sich einig. Sie leugneten, dass es Probleme gäbe. Seit vielen Jahren seien die Rückstands-Funde bei der Schlachttieruntersuchung gleich niedrig. Missstände beim Schlachten? „Wo gibt es denn so was?! Ich zeige jeden Schlachthoftierarzt an, der Tierquälerei zulässt!“ Systembedingte Krankheiten? „Die Tiere waren noch nie so gesund wie heute“.

Ob auf der Homepage der (FNL), in den wunderschön grünen Broschüren oder bei vielen Gesprächen in Halle 3.2 bei der Grünen Woche: Die unglaubliche Frechheit, mit der Fakten vernebelt, verschwiegen, beschönigt; Gefahren und Gegenargumente geleugnet oder auch Begriffe wie „Tiergerechtigkeit“, Sinnentstellt werden, macht mich sprachlos.

Doch die Unwissenheit in der Bevölkerung ist so groß, dass sich jeden Tag Schulklassen mit ihren Lehrern von FNL Vertretern durch Halle 3.2 führen ließen. Die FNL wendet sich ungehindert an Schulen, Medien, Verbraucher und natürlich auch Politiker. Hinter der Fördergemeinschaft steckt ein Rudel Wölfe, verkleidet als Schafherde.

Genmanipulierte blaue Nelken für Aigner
Ganz im Sinne der FNL überreichte auf der diesjährigen Grünen Woche Dr. Uwe Schrader, Vorsitzender von „Grüne Vernunft“ (einem Werbe-Verein für Agro-Gentechnik) und „Inno-Planta“, (einem Zusammenschluss von Interessenverbänden für „Grüne Biotechnologie“) einen blauen Strauß genmanipulierter Nelken an Ministerin Aigner mit der Forderung, das Anbauverbot von bt-Mais MON 810 aufzuheben und der Gentechnik eine Chance einzuräumen, die „enorme Potentiale“ für „wirklich nachhaltige Landwirtschaft“ biete ….

Tierleid wächst ins Unermessliche
Dem AgroBusiness ist es viel wert, sich mit mächtiger Schaumentwicklung grün zu waschen und sein Image zu polieren. Es lohnt sich, denn die Politiker spuren fast perfekt und rücken große Summen aus dem Staatssäckel raus, um die Geschäfte der Giganten zu schmieren. Wie Pilze schießen immer neue Tierfabriken aus dem Boden. Im Jahr 2010 wurden 8 Milliarden kg Fleisch in Deutschland „produziert“ 302 Millionen kg mehr als im Jahr davor. Es stammt von einer Milliarde Tiere, die unter Todesangst, unvorstellbaren Leiden und Schmerzen in Deutschland gehalten und umgebracht wurden!

Es waren doppelt so viele Masthühner wie vor zehn Jahren, rund 50% mehr Schweine. Und es werden immer mehr. Der Deutsche kann beim besten Willen und trotz verführerischer Dumpingpreise nicht so viel in sich hineinstopfen, aber die Politik hat die Weichen auf Export gestellt, und noch funktioniert diese Strategie.